Geschichte der Tonaufzeichnung Teil 2

Tonstudiotechnik

Geschichte der Tonaufzeichnung, Teil 2

Wie am Schluß des vorhergehenden Teiles dieser Artikelserie ausgeführt, stellte die Entwicklung der HF-Vormagnetisierung gewissermaßen das erste Rauschunterdrückungssystem in der Geschichte der Tonbandaufzeichnung dar. Betrachten wir nun die weitere Entwicklung der Geschichte.

Ab Herbst 1937 erprobte die RRG neue Gerätemuster und konfrontierte die AEG mit neuen, höheren Anforderungen, die dann sofort auch nach Ludwigshafen weitergegeben wurden. Man hatte festgestellt, daß die alten Fe3O4-Bänder, einmal bespielt, sich nicht mehr vollständig löschen ließen; bemerkbar machte sich das nach der zweiten Besprechung des Bandes durch zischelndes Hintergrundgeräusch beim erneuten Abspielen. Zwischen 1934 und 1943 entstanden drei Varianten des Magnetophonbandes Typ C. Das C steht dabei für Cellit und ist ein Hinweis darauf, daß das eigentliche Band aus Azetylcellulose bestand. Bis Mitte 1936 waren die Bänder mit Carbonyleisen beschichtet, was eine hellgraue Färbung erzeugte und metallisch reines Eisen war. Von dort an bestand bis Mitte 1939 die Beschichtung aus kubischen Fe3O4, um dann ab Herbst 1939 von Gamma-Fe2O3, ein braun-rotes würfelförmiges Oxid, abgelöst zu werden. Die nadelförmige Variante dieses Oxids wurde erst nach dem Krieg Anfang der 1950er Jahre entwickelt. An diesen schnellen Wechseln des Beschichtungsmaterials kann man sehr gut erkennen, daß man sich noch weit vom Optimum entfernt befand. 1939/40 schließlich drängte die RRG auf die Einführung eines Normbandes, an dem dann alle andere Chargen verglichen bzw. gemessen wurden, denn man stellte große Qualitätsschwankungen unter den Einzelchargen fest. Das Normalband stammte aus Charge 368, die, vielleicht zum Leid der BASF, von der Qualität her eine äußerst gute Charge zum allgemeinen Qualitätsmittel darstellte. Es ist leicht nachzuvollziehen, daß, im Falle die RRG weitgehend auf das Magnetophon umstellen sollte – was diese auch wegen der enormen Handhabungsvorteile der Magnetbandbandtechnik tatsächlich gerne wollte -, „amtliche“ Qualitätssicherungsmaßnahmen unverzichtbar waren. Vorläufig jedoch mußte man sich noch mit der Wachsplatte begnügen.

Alldieweil die Wachsplatte oder Schallfolie eine Spielzeit im niedrigen einstelligen Minutenbereich besaß, hatte der Radiomoderator alle Hände voll zu tun, die Tonträger zu wechseln und manuell aufeinander zu synchronisieren. Das Problem der eingeschränkten Laufzeit galt natürlich auch für den Schnitt einer Aufnahme. Dagegen besaß ein 1000-Meter-Band volle 20 Minuten Spielzeit – was die Arbeit doch enorm erleichtern würde. Wachsplatten wurden bespielt, und anschließend, wenn man die jeweilige Aufnahme nicht mehr benötigte, mit einer vom Rundfunk in Eigenentwicklung gebauten Maschine Bauart Y 1 (nach Braunbuchbezeichnung) wieder plangeschliffen. Erst danach konnte die Wachsplatte erneut bespielt werden. Diese Maschine kostete 2500 RM und wog 180 kg.

Ab 1932 baute die Firma Neumann für den Rundfunk die Wachsabdrehbank WB 32, mit der eine bereits bespielte Wachsplatte gewissermaßen im Handumdrehen gelöscht werden konnte und somit für weitere Aufnahmen wieder zur Verfügung stand.                                                                                                                                               Die Schallfolie war da schon etwas leichter zu handhaben, konnte aber auch nur wenige Male abgespielt werden. Sie war dafür aber transportabel und vermochte als Aufnahmemedium für die aktuelle Berichterstattung eingesetzt werden, da sie in einem Übertragungswagen betrieben werden konnte. Sowohl die Schwarz- oder Schellackplatte, als auch die Schallfolie wurden bei der RRG ab Mitte 1929 eingesetzt, hatten einen Durchmesser von etwa 30 cm und in „Seitenschrift“ beschrieben. Ihre Spielzeit betrug maximal 4,5 Minuten.

Zum in Rede stehenden Zeitpunkt stand die die Neumann-Schneidemaschine vom Typ AM 29 im Einsatz. Der Plattentellerantrieb erfolgte vermittels Elektromotor noch über einen Riemen.

Die Wachsplatte war mit 31,5 cm etwas größer im Durchmesser und ca. 3 cm dick. Sie wog mit ihrem Schutzkarton ungefähr 2,5 kg und hatte ein zentrisches Mittenloch. Die Wachsplatte kostete etwa 10 RM, wobei jeder Abschleifvorgang mit 50 Reichspfennig zu Buche schlug. Leider konnte man die Wachsplatte nur ein bis zweimal abspielen, und wenn ein Musiker darauf bestand, seine Aufnahme nochmal Kontrolle zu hören, mußte man schon eine zweite Wachsplatte parallel zu diesem Zwecke produzieren. Das Abspielen der Wachsplatte war allerdings  auch erst möglich geworden, nachdem der RRG-Techniker von Braunmühl im Jahre 1932 den elektromagnetischen Tonabnehmer entwickelt hatte. Aus den Wachsplatten wurden aber auch oft mittels industrieüblichen Galvanik- und Preßverfahren die Schwarzplatten hergestellt.

In dem Zusammenhang ist es interessant zu erwähnen, daß die Schneidemaschinen schon damals von der bekannten Firma Neumann aus Berlin gefertigt wurden.

Bild 4

Wachsplatten-Schneidemaschine Neumann AM 31, 1931

Die Wachsplatten-Scheidemaschine hatte die Braunbuchbezeichnung R 20. Bei dieser Schneidemaschine es sich um die im Antrieb bereits verbesserte Neumann AM 31. Der schwere Plattenteller wurde von einem Synchronmotor über eine Welle angetrieben, die etwa mittig mit einer Spezialkupplung war, welche mit Heißdampfzylinder-Öl gefüllt war; wenn man so will, die frühe Form einer hydraulischen oder Visco-Kupplung. Für den Anlauf des schweren Tellers gab es eine mechanische Starthilfekonstruktion – nach Erreichen der Sollgeschwindigkeit bestand daher keine feste Verbindung zwischen Antriebsmotor und Teller mehr, die Kraftübertragung erfolgte dann ausschließlich über die hydraulische Kupplung mit Hilfe des zähviskosen Öls. Eine wahrhaft geniale Erfindung, mit der kurzzeitige Drehzahlschwankungen und Vibrationen des Synchronmotors vom Plattenteller abzukoppeln; vom Grundprinzip her wurde dies bis zur vorletzten Generation der Neumann-Schneidemaschinen beibehalten.

Ab 1933 kam dann die portable Schallfolienschneidemaschine R 21 für Tonaufnahmen außerhalb des Studios dazu; letztere bestand aus Koffer R 61, Schallfolienschreiber R 12b und dynamischem Tonabnehmer R 5. Ein nicht unwichtiger Handhabungsvorteil der R 21 war, daß zum Abspielen der Schallfolie bereits ein dynamischer Tonabnehmer an der Maschine vorhanden war.

Eine technische Besonderheit dieser transportablen Maschine war der Schnitt der Schallfolie von innen nach außen. Die Gründe hierfür lagen in dem beim Schneiden entstehenden Span sowie zum anderen in der Abnutzung des Schneidstichels, der durch die größere Relativgeschwindigkeit am Außendurchmesser logischerweise höher war.

Bild 3 Schallfolienschreiber

Schallfolienschreiber Neumann R 12, 1932

Die Schallfolie bestand aus Gelatine oder einem Kunstharz, bzw. metallischem Träger mit schneidbarem Überzug. Hersteller der Schallfolien war der I.G. Farben-Betrieb „Deutsche Celluloidwerke Eilenburg“. Die Konsistenz von Gelatine oder Kunstharz ließ für den Schnitt nur einen Stahlstichel zu, während die sehr weichen Wachsplatten, die vor dem Schnitt in einem Wärmeschrank auf 30 Grad Celsius erwärmt werden mußten, mit einem Saphirstichel geschnitten werden konnten. Zum Abspielen der Wachsplatte erfolgte zuvor die Abkühlung auf 20 Grad Celsius, da Wachs dort den stabilsten Punkt erreicht.

1934 und 1935 entwickelte die Firma Neumann ein weiteres Gerät: das Plattenabspielgerät PAG, welches in verschiedenen Kombinationen aus Aufnahme- und Abspielgeräten sowie dynamischem Tonabnehmer auf den Markt kam.

Bild 2: PAG

Plattenabspielgerät Neumann PAG, 1934/1935

Ab 1938 konstruierten die Neumann-Ingenieure ein spezielles Getriebe, mit dem sich zwei stationäre Aufnahmemaschinen vom Typ AM 31 so miteinander synchronisieren ließen, daß die beiden Schneidematrizen „auf Anschluß“ liefen und damit längere Aufzeichnungen möglich wurden. Damit der Zuhörer den Übergang von einer Maschine auf die nächste klanglich nicht wahrnehmen konnte, schnitt die zweite Maschine in entgegengesetzter Richtung, nämlich von innen nach außen. Die Steuerung des Stichelvorschubes wurde damals über ein Getriebe an den Motor des Platten-(=Matrizen)Tellers gekoppelt und blieb dadurch über die gesamte Aufnahmezeit konstant, die je nach Vorschubeinstellung bis zu zehn Minuten Laufzeit pro Matrize ermöglichte. Damit waren durch die Verkoppelung von zwei Maschinen bis zu 20 Minuten Aufnahmedauer machbar, was in etwa der Aufnahmedauer des Magnetophons R 22 mit einem 1000-Meter-Band entsprach.

(Erst 1942 konnte übrigens durch das Füllschriftverfahren von Eduard Rhein eine Laufzeitverlängerung ermöglicht werden. Bei diesem Verfahren wurden die notwendigen Tonrillenabstände – respektive seitlichen Auslenkungen – nicht mehr wie bisher mit mit konstantem Rillenvorschub, sondern in Abhängigkeit von der maximalen Amplitude des Tonsignals bestimmt. Leise Stellen erzeugten daher weniger Vorschub als laute. Bis 1978 sollte es noch dauern, als Rheins Verfahren von Neumann-Ingenieuren verbessert wurde.)

Aber dazu später mehr und zurück in das Jahr 1936, in welchem für die Olympischen Spiele etwa 12.000 Schallfolien beschrieben wurden. 1937 gab es 15.500 Wachsplattenaufträge, 16.555 Schallfolien und 9000 Schwarzplatten. Im Kriegsjahr 1939 stieg das Volumen dann auf 107.000 Schallfolien und 161.200 Wachsplatten.

Betrachtet  man die Material- als auch Personalkosten für solch ein Aufnahmevolumen, kann man leicht nachvollziehen, warum die RRG an der Verbesserung des Magnetophons zum rundfunktauglichen Aufnahme- als auch Abspielmedium so stark interessiert war.

Die Entwicklung des Magnetophon K 7

Zwischen 1935 und 1938 stellte die AEG folgende Bandmaschinen vor: 1935 die K 1, 1936 die K 2, 1937 die K 3 und 1939 die K 4 vor. Ab Herbst 1940 entstanden erste Planungen für die K 7 mit der Zieladresse RRG. Diese Maschine sollte von der Gestaltung her noch besser auf die spezifischen Arbeitsabläufe bei der RRG abstimmt werden. Die im Betrieb erkannten Mängel an der R 22 sollten bei der neuen Maschine abgestellt sein. Ein Manko der R 22 war unter anderem, daß zum Vorspulen des Bandes „Halt“- und „Rücklauftaste“ gleichzeitig gedrückt werden mußten. Bandschäden durch Fehlbedienung dürften dabei des öfteren vorgekommen sein. Zudem gab es an der R 22 keinen Mechanismus, der beim schnellen Spulen des Bandes das Band vom Wiedergabekopf abhob, was zu erhöhtem Verschleiß der Tonköpfe und auch zu Schäden an den Abhörmonitoren führen konnte, falls man vergaß, diese stummzuschalten. An der K 7 finden wir erstmals den Rangierhebel, mit dem sowohl Spulrichtung als auch Geschwindigkeit eingestellt werden konnten. Der Rangierhebel sollte bis zur R 21 Merkmal aller Studio-Magnetophone bleiben. Der Tonmotor wurde von einem mit 1460-1470 U/min drehenden Asynchronmotor gegen einen mit 1500 U/min drehenden Synchronmotor getauscht. Damit wurde die Drehzahl des Motors an die Netzfrequenz angekoppelt, wobei Asynchronmotoren, sofern diese noch nicht ihre Betriebstemperatur erreichten hatten, grundsätzlich zu langsam liefen. Aufgrund der geänderten Drehzahl der Tonmotoren mußte natürlich der Durchmesser der Tonwelle von 10mm auf 9,8mm verjüngt werden. Bei den Wickelmotoren ging man von Kollektortypen auf kollektorlose Motoren über, was den Vorteil besaß, dort ein weiteres Verschleißteil, die Kohlebürsten, damit eliminiert zu haben. Kollektormotoren weisen zudem naturgemäß auch einen Funkenflug zwischen Kollektor und Kohlebürsten auf, was an audiotechnischen Gerätschaften bekanntlich besonders aufwendig abgeschirmt werden muß, da anderenfalls hörbare Störungen durch Störeinstrahlungen auf audiotechnische Schaltkreise beim Betrieb der Maschine entstehen können. Zudem wurden an der K 7 die erkannten Mängel an der zu schwachen Bremse der R 22-Modelle abgestellt. An der K 7 finden wir auch erstmals den Bandanzeiger in Form einer Uhr, welcher die Zeit der bereits abgespielten Bandlänge präzise ablesbar anzeigte. Die Bezeichnung K 7 darf aber nicht pedantisch an einzelnen Veränderungsdetails zur R 22 begriffen werden, sondern faßt im Prinzip alle Veränderung, die an der R 22 zwischen 1940 und 1947 vorgenommen wurden, zusammen. Die Magnetophone K 7 und die folgende Weiterentwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg zur K 8 – inklusive der an ihr verwirklichten hohen Anforderungen der RRG an die Magnetophone – sollten die Grundtypen der professionellen Studiobandmaschinen werden. In der Reihe der nachfolgenden Modelle T 8 und T 9 konnte das Modell T 9 erstmals als wirklich ausgereift gelten. Die 1955er Ringeinspielung Wagners unter Keilberth in Bayreuth, die jüngst bei Testament in Stereo erschien, wurde übrigens mit zwei AEG T 9 aufgezeichnet.

Nun kehren wir aber wieder in das Jahr 1945 zurück, wo durch die Freigabe deutscher Patente nach dem Zweiten Weltkrieg sowie mit Hilfe der detaillierten BIOS-, FIAT-, CIOS- und TBK-Berichte der Alliierten das Know How der deutschen Industrie völlig offen lag und sich folgerichtig in Windeseile die elementaren Kenntnisse und Erfahrungen unter ausländischen Firmen verbreiten konnten, die ihrerseits dieses zu nutzen versuchten.

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