Geschichte der Tonaufzeichnung Teil 4

Geschichte der Tonaufzeichnung, letzter Teil

Zum Abschluß dieser Artikelserie sollen die Vorgänge gegen Ende des Zweiten Weltkrieges sowie jene des Neubeginns in den späten 1940er-Jahren betrachtet werden. In Stichworten stellen wir schließlich das Ende der professionellen analogen Tonaufzeichnung dar, schließen auf diese Weise den Kreis zu den Ausführungen aus Teil 1.

Genoton Gendorf/Oberbayern

Die Magnetbandproduktion in Gendorf/ Oberbayern liegt in der Verlagerung der Ludwigshafener Luvithermanlage des Jahres 1944 begründet. Man wollte damals die Magnetbandproduktion vor den zunehmenden alliierten Luftangriffen auf die BASF in Ludwigshafen schützen. Im Januar 1946 wurde dann die Magnetbandfabrik, die das Magnetophonband Typ L produzierte, vorerst stillgelegt.

Ab Anfang 1949 wurde mit der Produktion des Massebandes Genoton Typ E wieder begonnen. Hintergrund der Reaktivierung der Genoton war das bizonale Abkommen, den Bandbedarf in der jeweiligen Besatzungszone selbst decken zu können. Die Produktion in Ludwigshafen und Wald Michelbach wurde komplett von der französischen Besatzungsmacht in Anspruch genommen; die Lieferungen aus Wolfen (SBZ) galten vor dem politischen Hintergrund der Nachkriegszeit als nicht sicher genug. Zudem ließ eine Explosion bei der BASF im Juli 1948, von dem der Magnetophonbandbetrieb betroffen war, die Lieferfähigkeit weiter verschlechtern. Die Qualität der Bänder aus der frühen BASF-Nachkriegsproduktion konnte man – vorsichtig formuliert – als nicht unproblematisch einstufen. Nachdem es der BASF gelang, mit dem Magnetophonband Typ L-extra und LG ein Konkurrenzprodukt zu plazieren, reagierte man bei der Genoton mit dem verbesserten Genoton Typ EN. Das Genoton EN-Masseband war bis Anfang 1956, als die Gendorfer Magnetbandproduktion endete, beim deutschen Rundfunk ein sehr beliebtes Magnetband – schon alleine deshalb, weil das Ludwigshafener L-extra Schmierneigungen aufwies. Bis dahin deckte die Gendorfer Produktion den halben deutschen Rundfunkbedarf an Bändern. Es wurden der ORF, BR, RIAS und SFB beliefert.

AGFA

Auch die Aufnahme der Magnetbandproduktion bei AGFA in Leverkusen wurde durch das bizonale Abkommen zwischen den britischen und amerikanischen Besatzungsmächten gefördert, um den Bandbedarf in der jeweiligen Besatzungszone autark sicherstellen zu können. Bei AGFA als Filmfabrikant waren die Umstände dazu günstig, da man bereits auf eine breite Erfahrung in der Beschichtungstechnologie aus der Filmproduktion zurückgreifen konnte, und so wurde 1948 unter der Anleitung von Rudolf Engelhardt, der von der Filmfabrik Wolfen zu AGFA gekommen war, die Magnetbandproduktion aufgenommen. Die notwendigen feinteiligen kubischen Eisenoxide kamen aus dem Bayerwerk Uerdingen. In den ersten Jahren setzte man als Trägermaterial Zelluloseacetat ein, welches sehr präzise herzustellen war. Als Beschichtungslack verwendete man die hervorragenden DD-Lacke (Desmodur-Desmophen) ein, die als äußerst abriebfest galten. Das Magnetband Typ F wurde 1950 vom RTI zum ersten Normal- und Testband erklärt.

Ab 1951 wurde der weiterentwickelte Band Typ FS produziert, der für die Bandgeschwindigkeit von 38,1 cm/s vorgesehen war. Ab Mitte 1954 wurde mit dem deutlich reißfesteren Bandtyp FSP auf PVC-Trägermaterial umgestellt; das Trägermaterial dafür wurde von der Firma Kalle bezogen. Für die Bandtypen FS und FSP verwendete man weiterentwickelte kobaltdotierte kubische Pigmente. Während der Typ F eine Koerzitivität von 160 Oersted besaß, konnten die Bandtypen FS und FSP mit Koerzitivitätswerten von 300 – 320 Oersted aufwarten. Die Entwicklung eines Magnetbandes mit hoher Koerzitivität ist eine Grundvorrausetzung gewesen, um überhaupt bei 38,1 cm/s eine zufriedenstellende Tonqualität verwirklichen zu können. Aufgrund der rauhen Rückseite des Zelluloseacetatträgers liefen diese Bänder auch auf den schnellspulenden Bandmaschinen T 8 und T 9 problemlos, zudem entstanden keine aus dem Wickel herausstehenden Bandkanten, die im Betrieb die gefürchteten Knickbrüche verursachten. Das von AGFA verwendete kubische Pigment verlor allerdings beim Umlauf über eine schlanke Führungsrolle im Bereich der hohen Frequenzen 2 – 3 dB an Pegel. Die fehlenden Höhen führten in der Folge zu einem etwas dumpferen Klangbild.

Ende 1955 folgte mit dem Bandtyp FR 6  die Reaktion auf diese Schwäche des Vorgängerbandtyps. Das Bayerwerk Uerdingen lieferte dazu ein verbessertes nadelförmiges Oxid, das in Mischung mit dem kubischen Oxid eingesetzt wurde. Das in FR 4 umbenannte Band verblieb bis 1965 im AGFA-Bandsortiment. Einen Streich aber sollte jener in der Entwicklung und Herstellung hochkoerzitiver Bänder sonst äußerst bewährte DD-Lack der AGFA noch spielen: Man erkannte, daß das vorgerichtete nadelförmige Eisenoxid für die Herstellung hochkoerzititiver Bänder von entscheidender Bedeutung war. Dazu wurde, während der DD-Lack noch nicht ganz auspolymerisiert war, das Band durch eine Magnetstrecke gefahren, die das nadelförmige Eisenoxid in Bandlaufrichtung ausrichten sollte – doch die molekularen Kräfte des DD-Lackes wirbelten beim Auspolymerisieren die Ausrichtung der nadelförmigen Kristalle wieder durcheinander. Dieses Problem sollte bei AGFA erst mit dem 1963 eingeführten Bandtyp PER 525 vollends gelöst werden.

Die Mitte bis Ende der 50er Jahre aufkommende Mehrspurtechnik – mit ihren schmaleren Spurbreiten pro Aufnahmekanal – erforderten aber dringend höherausteuerbare Bandtypen, um den Dynamikverlust auffangen zu können. AGFA behalf sich mit der Herstellung der sogenannten Dickschichtbänder vom Typ FR 22, die im Vergleich zu den bisherigen FR-6 Typen eine von 15 Mikrometer auf 25 Mikrometer verstärkte Magnetschicht aufwiesen. Mit diesem Bandtyp konnte auf Ein-Zoll-Band vierspurig fast die gleiche Dynamik aufgezeichnet werden wie vormals mit einer Vollspuraufzeichnung auf Viertel-Zoll-Band!

Seit 1956 schließlich stellte AGFA das europaweit erste Magnetband auf Polyesterbasis her. Das war möglich geworden, weil die Hoechst-Tochter Kalle mit der lizensierten Hostaphon-Folie preisgünstig eine Polyesterfolie anbieten konnte. Schon seit 1953 produzierte Scotch mit dem Typ 102 und der von Du Pont gelieferten PE-Folie „Mylar“ bereits Bänder auf PE-Basis. 1961 sollte AGFA mit dem Bandtyp PER (mit noch ungerichtetem Pigment) das erste Rundfunk- und Studioband der Welt auf PE-Basis produzieren. Das FR 22 wurde zum PE 22, gefolgt von PER 555, welches von 1963 – 1973 produziert wurde und die 55-Mikrometer-Variante des PER 525 darstellte. Diese Entwicklung führte zu Bändern mittlerer Schichtstärke, die über den gesamten Aufzeichnungsbereich eine höhere Aussteuerung zuließen.

Im Jahre 1965 wurde die Charge 077B des Bandtyps PER 525 zum Bezugsleerbandteil vom DIN-Normausschuß bestimmt. Der Rundfunk bezog nun gleichteilig den Bandtyp PER 525 von AGFA und den Bandtyp LGR von der BASF. Die Einführung des Stereobetriebs beim Rundfunk forderte die AGFA weiter, die ab 1967 das um 4,1 dB höher aussteuerbare PER 525 Stereo bis 1981 für den Rundfunk produzierte. Auch beim Bandtyp PER 525 sollte es der AGFA wieder gelingen, das Referenzleerbandteil zu stellen. Auch im Bereich der Studiobänder mußte AGFA auf den Ludwigshafener Konkurrenten BASF und seinen Bandtyp SPR 50LH reagieren und produzierte seit 1975 dafür das PEM 468, welches 2 dB weniger rauschte und um 3 dB über den gesamten Frequenzbereich höher aussteuerbar war und zudem die hohe Kopierdämpfung von 58 dB aufwies. Im Bereich der Rundfunkbänder mußte AGFA auf das BASF LGR 50 reagieren, das mit neuen, verbesserten Parametern daherkam und modifizierte dazu das PEM 468 auf die Bedingungen des Rundfunkeinsatzes. Interessanterweise mußte  nun für eine Kompatibilität zum BASF LGR 50 das Bayer-Pigment des PEM 468, das eine höhere Koerzitivität besaß als das von BASF verwendete Pigment des LGR 50, mit dem BASF-Pigment vermischt werden. Daraus entstand schließlich der bekannteste und erfolgreichste Rundfunkbandtyp Europas: das PER 528.

Die Endzeit der analogen Bandaufzeichnung

Anfang 1991 wurden die Magnetbandaktivitäten der BASF und der AGFA Gevaert AG Leverkusen zusammengeführt. 1992 erfolgte eine Sortimentsstraffung. Das Studio Master (PEM ) 469 wurde zugunsten des Studio Master 911 eingestellt, während das Studiomaster (PEM) 468 im Lieferprogramm verblieb. Bis zum Ende der BASF Magnetics GmbH im Jahre 1996 wurden für den Rundfunk beide Bandtypen, LGR 50 und PER 528, weiter produziert. Aufgrund der Umstellung des Rundfunks auf die Digitaltechnik – und der darauf erfolgenden Schrumpfung des Magnetbandbedarfs – blieb am Ende nur das PER 528 im Sortiment übrig. Last but not least wollte man noch einmal zeigen, zu was man in der Lage war, und produzierte für den privaten Studiosektor ab 1994 das Studio Master 900 maxima, welches eine eigentlich überfällige Antwort auf das bereits 1990 erschienene Ampex 499 Grand Master Gold und Scotch 996 darstellte. Die Tiefenaussteuerbarkeit dieses Bandes lag bei +15,5 dB (zum Vergleich: BASF LGR 1961 +5 dB) und einer Dynamik von 78,5 dB bei einer Kopierdämpfung von 55,5 dB. Diese ultimativen Parameter konnten nur noch unter Einsatz der Zweischicht-Technologie und der gekonnten Mischung bzw. Kombination mit zugekauften Pigmenten erreicht werden. Bei 38,1 cm/s und 76,2 cm/s Bandgeschwindigkeit wurden so ein der CD nahenliegender Dynamikwert von 84 dB erreicht. Das Studio Master 900 maxima setzte damit den Schlußpunkt unter eine mehr als sechzigjährige Geschichte der Magnetbandentwicklung für die Tonaufzeichnung.

Interessante Punkte aus Magnetbandentwicklung und -Verwendung

Juli 1962: Größere Überspielaktionen beim Rundfunk von 76,2 cm/s auf 38,1 cm/s.

März 1964: Zunehmende Verbreitung der Mehrspurmaschinen bei der ARD. Sonderentzerrung mit Anhebung bei 4 kHz sollten Rauschverluste aufgrund schmalerer Tonaufzeichnungsspuren kompensieren.

Juli 1972: Anlaufen der Mehrspur-Technik mit zwei Zoll breitem Magnetband.

September 1975: „Wiederentdeckung“ der Bandgeschwindigkeit 76,2 cm/s für die Mehrspurtechnik im speziellen für 24- und 32-Spur-Aufnahmen zur Kompensation der Rauschverluste infolge relativ schmaler Spurbreiten und voller Ausnutzung der Höhenaufzeichnungsfähigkeit bei Bändern der Generation BASF SPR 50 LH.

Schlußwort

Die analoge Aufnahmetechnik erlebte zwischen 1955 und 1990 Höhepunkt und Blütezeit. Mit dem Ende der Magnetbandtechnologie, entwickelt von genialen Köpfen, ging unersetzliches Wissen verloren. Das Wirken großer Künstler ihrer jeweiligen Zeit wurde auf Tonband aufgezeichnet der Nachwelt hinterlassen, Aufzeichnungen in einer künstlerischen Qualität, die bis heute zum Teil unübertroffen sind. Die letzten analogen Bandmaschinen professioneller Herkunft- gemeint sind damit insbesondere Boliden wie die Telefunken M 15, Studer A 80, Studer A820/27, Ampex MM 1200 oder Scotch 3M79, erreichten mit Hilfe der Kompandertechnik wie Telcom C4 und Dolby 361 bereits „digitale“ Störabstandswerte. Nichtsdestotrotz will der Autor die Realitäten der Vergangenheit nicht verklären und jeder, der den Wartungsaufwand beispielsweise einer analogen 16- oder 24-Spur Bandmaschine kennengelernt hat, weiß, welch einen tagesfüllenden Arbeitsaufwand es bedeuten konnte, diese in regelmäßig wiederholenden Abständen neu einzumessen. Die Faszination der analogen Bandaufzeichnung besteht weiterhin und viele namhafte Tonstudios behalten sich bis heute die Möglichkeit vor, auf Kundenwunsch auch künftig Aufnahmeprojekte via „Tape“ fertigen zu können. Nicht selten werden heute noch die Drum-Spuren eines ansonsten digitalen Aufnahmeprojektes über Tape geroutet, um diese mit jenem Sättigungssound zu veredeln, der unseren Ohren auch heute  noch zu schmeicheln scheint. Das Rad der Zeit dreht sich unentwegt weiter und für die versierten Tonschaffenden heutiger Zeiten stellt sich nicht mehr generell dogmatisch die Frage, ob digital oder analog, sondern jene der gekonnten Verschmelzung des besten aus beiden Welten in der täglichen Studio- und Projektarbeit. Trotz aller Erleichterungen, die der technische Fortschritt in den vergangenen 25 Jahren in der Studiowelt auch mit sich brachte und heute praktisch Dinge möglich macht, die vormals schier undenkbar oder technisch kaum umsetzbar waren, stellt sich heute vielfach eher die Frage, auf welche „Tools“ und Bearbeitungsmöglichkeiten man verzichten könnte oder besser sollte, damit eine Produktion vom ersten Akkord an unbelastet und gekonnt gestaltet wird. Die Digitalsierung hat nicht den Klang entscheidend verbessert, sondern die Bearbeitung von Aufnahmen vereinfacht oder um bedenkliche „Ultramiximizer“ DAW-Tools erweitert, mit denen es möglich ist, die Restdynamik einer Musikaufnahme – sehr zum klanglichen Schaden dieser – auf gerade einmal 5dB zusammenzupressen … und das ist der eigentliche „Fortschritt“, der sich durch die Digitaltechnik sicher ausmachen läßt. Diese Artikelserie soll mit einem nachdenklich stimmenden und zugleich mahnenden Zitat von Karl-Hermann von Behren beschlossen werden, der einmal sinnig schrieb: „Wer in Zukunft nur noch mit der Maus wild herumklickt und irgendetwas erzeugt, von dem er gar nicht wissen will, wie es zustande kommt, ist leider nur ein kreativer Anfänger in einer Welt, in der es alles schon einmal gab – auch Fachleute.“

An dieser Stelle noch ein paar interessante Verweise zu den Hit-Maschinen vergangener Zeiten:

:

http://www.studer.ch/support/videos.aspx?vid=155990

http://www.studer.ch/support/videos.aspx?vid=156002

http://www.studer.ch/support/videos.aspx?vid=156002

In technischen Fragen als auch bei Instandsetzungsarbeiten alter Masterbandmaschinen empfiehlt der Autor folgende Adresse:

HILPERT TONSTUDIOTECHNIK
Inh.: Dipl. Ing. Kai Hilpert-Köppinghoff
Brookstieg 5
Einheit 3
22145 Stapelfeld / Braak
(Bei Hamburg, direkt an der Autobahn A1)

Fon: +49 40 64492444
Fax: +49 40 64492446
Emailhilpert@hilpert-audio.de

http://www.hilpert-audio.de/


Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Historische Tontechnik abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s