Stereophonie bei der RRG (Reichsrundfunkgesellschaft)

Stereophonie bei der RRG

Im Gedenken an die Stereo-Pioniere der Reichsrundfunkgesellschaft

Schon Anfang der 30er Jahre liefen nicht nur in Deutschland Anstrengungen, ein raumplastisches Aufnahmeverfahren zu entwickeln und anzuwenden. Das enge Monofenster in der Wiedergabe sollte buchstäblich durchstoßen und aufgeweitet werden. Mit dem Beginn der 30er Jahre arbeiteten Alan Dower Blumlein bei der EMI sowie A. C. Keller und I. S. Rafuse bei den Bell Laboratories mit theoretischen und praktischen Versuchen an der Stereoaufnahmetechnik. So gelang bereits dem Team um Keller mit Leopold Stokowski und dem Philadelphia Orchestra im Dezember 1931 und März 1932 – sowie der EMI im Jahre 1934 mit der Aufnahme von Mozarts 41. Symphonie unter Sir Thomas Beecham – jeweils eine echte Stereoaufnahme. Bereits im Jahre 1931 ließ sich Alan D. Blumlein die Zwei-Komponenten-Schrift für die Stereoplatte patentieren. Es war die Kombination aus Edisons Tiefenschriftverfahren von 1877 mit vertikaler Auslenkung der Graviernadel und Emil Berliners Seitenschriftverfahren aus dem Jahre 1887 mit horizontaler Auslenkung der Graviernadel. Die Kombination aus beiden Schriften sollte bereits das auch heute noch verwendete Stereoschriftverfahren der Langspielplatte bilden.

Ein großes Problem seinerzeit war die absolut synchrone Aufzeichnung der zwei Kanäle, die man für das raumplastische Aufnahmeverfahren benötigte. Nach der Entwicklung des Magnetophons und Eduard Schüllers Zwillingskopf, der allerdings ursprünglich für die Aufteilung des Frequenzbereiches auf zwei Spuren konstruiert wurde, um die Dynamik der Bandaufzeichnung zu verbessern, kam nun dieser Zwillingskopf für die Stereoaufnahmen der RRG noch einmal zum Einsatz. Der Zwillingskopf hatte eine 1mm breite Trennspur zwischen den jeweils 2,75mm breiten Tonspuren. Die beiden Einzelköpfe wurden durch ein Kupfer- und Messingblech zwecks Verbesserung der Übersprechdämpfung der beiden Kanäle voneinander abgeschirmt. Ab Januar 1943 wurden dann bei der RRG von den Toningenieuren Helmut Krüger und Dr. Ludwig Heck Stereoaufnahmen für Archivzwecke gefertigt. Welch eine wahrlich kühne Vision – stand doch nicht einmal auf der Abspielseite für den Privatbedarf  Stereoequipment, geschweige denn ein Trägermedium zur Verfügung! Die Stereoschallplatte sollte erst 1958 den Markt erobern.

Welche Magnetophonvarianten bei den o.g. Aufnahmen Verwendung fanden, ist nur lückenhaft dokumentiert. Vermutlich wurden Standardgeräte vom Typ R 22 und R 22a mit paarweise eingesetzten V 5-Wiedergabe- und V7b-Aufnahmeverstärkern eingesetzt. Im Verstärkerlabor der RRG wurden aber auch zu jener Zeit zweikanalige Aufnahme- mit einem gemeinsamen HF-Generator und Wiedergabeverstärker mit jeweils eigenem Netzteil entwickelt. Das hatte den Vorteil gegenüber dem Einsatz von jeweils einem eigenen HF-Generator pro Kanal, daß nun bei einer geringfügigen Verstimmung der HF-Generatorfrequenz keine unangenehmen Pfeiftöne mehr entstehen konnten. Die Löschfrequenz lag bei 60 kHz.

Abgehört wurden diese Aufnahmen über zwei separate Breitbandlautsprecher mit der Braunbuchbezeichnung O 15/15a, die kurz zuvor von dem RRG-Ingenieur Hans Eckmiller  entwickelt wurden. An Microphonen wurde dazu das bekannte Neumann CMV 3 mit seiner noch Jahrzehnte später eingesetzten Kapsel M 7 verwendet. Bis zum Herbst 1944 sollen nach Angaben von Helmut Krüger etwa 250 Stereoaufnahmen gefertigt worden sein. Darunter die Opern Romeo und Julia, Margarete, Tosca, Tannhäuser und der Meistersinger jeweils in Bayreuth 1943 unter Hermann Abendroth und 1944 unter Wilhelm Furtwängler. Als die alliierten Luftangriffe auf Berlin 1944 verstärkt wurden, verlegte man das Zentrallabor der RRG nach Kosten im Wartheland. Hans Joachim von Braunmühl, der spätere Chef des SWF, veranstaltete dort noch Musikabende für die Ärzte eines nahegelegenen Lazarettes. An dieser Stelle verlieren sich nun bis zum heutigen Tage die Spuren der Stereobänder und der eingesetzten Geräte der RRG. Nur fünf Stereoaufnahmen der RRG überlebten vermutlich die Wirren der letzten Kriegstage – und wie das Bernsteinzimmer werden sie sicher für immer verloren bleiben, was wohl ebenfalls zu den schwersten kulturellen Verlusten des Zweiten Weltkrieges gezählt werden kann.

Auf verschlungenen Wegen erreichte vor einiger Zeit den Autor dieser Artikelserie eine Kopie des Finalsatzes aus Bruckners 8. Sinfonie, die im September 1944 mit der Staatskapelle unter Herbert von Karajan im Sendesaal 1 an der Masurenallee von der RRG  in Stereo aufgezeichnet wurde, während die ersten drei Sätze aus den Aufnahmesitzungen Juni/Juli 1944 leider nur in Mono vorliegen. Die Aufnahmequalität dieser Stereoaufnahme ist atemberaubend gut und die machtvolle Interpretation Karajans des Brucknerschen Finalsatzes spricht dabei für sich. In einem Brief an seine Mutter aus dem Juli 1944 schrieb er:  „… es wäre jetzt die Zeit gekommen, wo man sich von der Last der irdischen Dinge befreien und Musik wieder auf die geistigen Höhen bringen solle, von denen sie gekommen sei“. Genau diese Absicht und das Bestreben, so scheint es, ist Karajan wohl noch einmal durch den Kopf gegangen, als er im September des gleichen Jahres zu dieser gewaltigen Interpretation des Brucknerschen Finalsatzes fand. Die Stimmung des Finalsatzes kann man als ehrfurchterbietend und gleichzeitig durchtränkt von unerschütterlicher Ruhe bezeichnen. Sie ist ein Zeugnis der enormen Selbstbeherrschungskräfte, zu denen Karajan in der Lage war. Hans Fritsche, der Leiter der Rundfunkabteilung im damaligen Propagandaministerium, wäre vielleicht gut beraten gewesen, wenn er den trickreichen Bestrebungen Karajans nach einer Neuaufnahme der ersten drei Sätze aus Bruckners 8. Sinfonie – diesmal in Stereo – zugestimmt hätte. Wie dem auch immer sei und was alles gewesen wäre wenn – ich halte es auf jeden Fall beim Hören dieses Finalsatzes, insbesondere der Anfangspassage, für nicht unmöglich, daß bei so manchem erfahrenen Hörer angesichts dieser 65 Jahre alten Aufzeichnung schlicht und spontan die Kinnlade nach unten klappen würde…

Kurz vor dieser Aufnahme in Berlin hatte Karajan noch ein denkwürdiges Erlebnis in der Krypta von St. Florian/Österreich, einem Kloster bei Linz, das nach dem Willen Hitlers der ein Liebhaber der Musik Bruckners war, in einen Brucknerschrein verwandelt werden sollte-ähnlich wie Bayreuth für Wagner stand. Nach einer Probe der 8. Sinfonie für ein Konzert vor den höchsten Vertretern des Reiches ging der Reichsrundfunkangestellte und Leiter des Projektes „Linzer Reichs-Bruckner-Orchester“ Heinrich Glasmeier mit ihm in die Krypta des Klosters, wo die sterblichen Überreste Bruckners bestattet sind. “Sie befinden sich jetzt genau unter der Stelle, wo das Orchester spielen wird“, sagte der Mann. “Bruckner hat seine 8. Sinfonie niemals selber hören können (was nicht stimmt, Anm. d. Autors). Sie haben nun die Möglichkeit, sie für ihn zu spielen. Ich lasse sie jetzt zehn Minuten mit ihm allein.“ Er schloß die Tür und ließ Karajan dort im Dunkeln zurück. Mit der Ausstrahlung der 7. Sinfonie Bruckners-Hitlers Lieblingsinfonie- als letzte Sendung der Reichsrundfunkgesellschaft endete wenige Monate später die Geschichte des Deutschen Reiches und der Zweite Weltkrieg.

Letzte Absage des RRG Sprecher Richard Baier am 2. Mai1945

Der russische Funkkommandant Oberst Popow besetzt am 2. Mai 1945 das Funkhaus mit 200 Soldaten ohne auf Widerstand zu stoßen. Popow hatte von 1931-33 selbst im Funkhaus als Techniker gearbeitet und es noch im Mai 1941 als Mitglied einer sowjetischen Delegation besichtigt.

An dieser Stelle ein weiterer interessanter Link zur Rolle des Rundfunks während des Nationalsozialismus:

http://www.dra.de/rundfunkgeschichte/radiogeschichte/pdf/favre_aufsatz.pdf


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